Posts Tagged 'Vertreibung'

Die Verwaltung des Mangels

Kriegskinder und Kriegsenkel – Das Thema ist noch lange nicht durch

„Mir geht es ja eigentlich gut.“ ….. „Ich hab Neurodermitis, aber ich kann ja trotzdem fast alles machen.“ …. „Stell Dich nicht so an, Du hast doch alles was Du brauchst.“ …… Beschwichtigung und Verharmlosung, Betriebsblindheit, habe ich feststellen können, sind mir durchaus tief verinnerlichte Strategien geworden, mit denen ich mir das Leben erträglich machen versuche. Geholfen haben sie nicht. Ertragen kann ich offenbar viel.

In Wahrheit raubt mir die Neurodermitis und die Sachverhalte, die sie vermutlich verursachen, die Energie, die dafür nötig wäre, um richtig durchzustarten. Ich bin so gut aufgestellt, dass ich von meinem Wissen und Können locker leben können müsste, in einem erfüllenden Berufsfeld. Mein aktueller naturheilkundlich behandelnder Arzt hat mir Erschöpfungsdepression attestiert. Das nützt mir nur wenig. Am besten geht es mir, wenn ich im Flow bin, mit produktiver Arbeit und guter Freizeitbeschäftigung angemessen gefordert bin, aber nicht zu sehr unter Druck stehe.

Auf der Suche nach Ursachen und neuen Behandlungsansätzen für die Suboptimalitäten des Lebens bin ich über einen glücklichen Umweg auf ein Thema gestoßen, das ich mir die letzten Wochen leidenschaftlich unter die Lupe genommen habe. Die Homöopathin Antonie Peppler äußerte mir gegenüber ihre Annahme, dass eine der Hauptproblematiken für die Männer unserer Gesellschaft, der Weltkrieg sei. Ich fand das spannend und begann mit der Recherche.

„Ganz zufällig“ hielt kurz danach ein Kollege in meiner Praxis einen Vortrag zum Thema „Kriegskinder“, und berichtete von überraschendem Interesse zum Thema. Der Gestalttherapeut meint, das Thema ist jetzt mehr und mehr „dran“ in unserer Gesellschaft. Insbesondere auch von den Kindern der Kriegskinder, also der meinigen, ab ca. 1960 geborenen Generation. Erste Buchtipps und Fernsehbeiträge wurden gesichtet, eine Entwicklung scheint sich anzubahnen in der Psyche der Generation, der auch meine Eltern angehören, ungefähr die Jahrgänge 1930 bis 1945.

Es äußert sich so, dass diese Menschen, die in dem Glauben aufgewachsen sind, dass sie „den Krieg und das Naziregime nicht richtig mitbekommen haben, weil sie ja noch klein waren“, zunehmend traumatische Symptome zeigen. Die „posttraumatische Belastungsstörung“ kann behandelt werden, es gibt dafür mittlerweile sehr wirksame Methoden. Gerade auch seit dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001, denn im Zuge der in diesem Zusammenhang erfolgten Traumabehandlungen wurde das Bild, insbesondere im Hinblick auf die Auswirkungen auf kleine Kinder, bedeutend geschärft. Es zeigte sich z.B. eindeutig, dass ein Kind sogar die Schuldgefühle des Vaters übernahm, die er entwickelt hatte, weil er zwei Freunden, die bei dem Anschlag verstarben, die Arbeitsstelle im World Trade Center vermittelt hatte. Ohne dass je davon gesprochen wurde. Dieses Trauma des Kindes löste sich auf, indem es seine inneren Bilder malte und Therapeuten darüber mit ihm sprachen.

 

Schweigen und Verharmlosen

Ich habe in meinem Bekanntenkreis eine Reihe von Menschen nach ihren Familiengeschichten gefragt. Zum größten Teil wurde über die wesentlichen Geschehnisse geschwiegen. Einige Väter erzählten vom Krieg in Anekdoten und Abenteuergeschichten. Ich hörte einige Geschichten, wie man überleben konnte durch Glück oder Geschick. Ich hörte eine Geschichte von einem Vater, den man als Kind vor die Tür schickte, bevor seine Mutter durch Soldaten vergewaltigt wurde. Im Großen und Ganzen haben wir bei den Gesprächen festgestellt, dass das Thema Krieg fast ausschließlich abstrakt bearbeitet wurde. Von den Familiengeschichten wurden meistens nicht oder nur oberflächlich, oder unter großer Anstrengung  Jahrzehnte später berichtet.

Während ich früher glaubte, dass häufiges Schweigen über Konfliktthemen eine Charakterschwäche in dieser Generation sei, glaube ich jetzt, dass viele Menschen über vieles einfach nicht reden konnten, weil sie durch die Traumatisierung wie eingefroren waren. Dazu kam eine mächtige Sozialkontrolle, wie die Geschichte der Autobiographie von Marta Hillers zeigt, die als Anonyma über die Zeit des Einmarsches der Russen in Berlin berichtete. Sie hat sich als Ausweg vor den wiederholten Vergewaltigungen einen russischen Offizier als Beschützer genommen. Ihr Buch „Eine Frau in Berlin“ erschien 1959, und wurde öffentlich niedergemacht, weil es „die Ehre der deutschen Frau beschmutzt“. Daraufhin zog sie die Veröffentlichung bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 zurück, 2003 erschien die Neuauflage, 2008 wurde es verfilmt.

Die Vererbung der Traumata

Die Folge des Schweigens ist einfach, und bitter für alle. Alles was verschwiegen wird, geht über auf die Kinder, die Enkel, die Großenkel und so fort. Der massenhafte psychische Schaden in den Familien, bei den einzelnen Menschen, muss sich gesellschaftlich auswirken. Ausländische Journalisten haben in den 90ern das Phänomen „German Angst“ benannt. Sabine Bode, die einige hervorragende Bücher zu dem Thema geschrieben hat, beschreibt es als ein übersteigertes Sicherheitsgefühl. Dazu kommt das Klima der unterschwelligen Gefühlskälte und jede Menge verdrängte Wut und verdrängte sexuelle Lust. Die Deutschen sind unter der erfolgreichen und wohlhabenden Oberfläche immer noch mit der Verwaltung des (emotionalen und materiellen) Mangels beschäftigt, und das führt nach meiner Vermutung auch zu entsprechendem unsozialen Verhalten.

Ich habe bei den Gesprächen festgestellt, dass viele Personen zunächst distanziert reagierten, in der Annahme, das Thema sei für sie vom Tisch. Nach kürzester Zeit jedoch wurde es bislang jeder der ca. 10 Personen, mit denen ich gesprochen habe, völlig klar, dass auch bei ihm ein psychischer Kriegsschaden vorliegt. Mehr oder weniger stark und mit unterschiedlichen Inhalten. Gefühle wie Trauer, Wut, Angst, Scham, Schuld und Ohnmacht konnte jeder meiner Gesprächspartner spüren.

Und damit wird mir auch klarer, warum ich öfter Wut empfinde, deren Intensität sich nicht allein aus der auslösenden Situation erklärt. Mir wird auch klarer, warum ich eine so starke Bindung an meine Eltern empfinde, denn es gibt das Thema Vertreibung in meiner Familie. Auch warum so gern über Essen gesprochen wurde und warum ich meinen Teller leer essen musste. Es wird klarer, warum das Thema Sex so schwierig ist, und es wird klarer, warum Aggression so weitgehend ein Tabu ist.

Antonie Peppler vermutet: „Die Männer haben vom Krieg die Nase voll. Als Folge werden sie immer schwächer, verleugnen ihre aggressive Kraft, ziehen sich ins Häusliche zurück und büßen allmählich ihre Männlichkeit ein. Sie fallen, z.B. durch Depression oder Krankheit, in eine kindliche Bedürftigkeit. Den Kindern fehlt der Vater und der Mann wird zu einem weiteren Kind. Die Ehe kann so nicht weiter bestehen, wenn die Frau nur noch Mutter und nicht Liebhaberin sein kann.“

Mir wurde durch das Thema klar, dass ich ein paar traumatische Zustände von meinen Vorfahren geerbt habe. Daraus ergibt sich die Chance zu mehr Verständnis für die Sorgen meiner Eltern, und gleichzeitig auch eine klarere Abgrenzung. Das ist für mich wichtig, denn als Kind konnte ich mich nicht von ihren traumatischen Gefühlen distanzieren, und ich denke hier liegt eine Ursache für die Neurodermitis. Es ist eine Überforderung, die mir in die Wiege gelegt wurde, und das Leben ist nicht so grau und trostlos, wie es im Bewusstsein der Kriegskindergeneration erscheinen mag!

Mein Fazit ist: Sehr viel Heilung kann kommen, wenn sich Menschen über das Thema austauschen. Sich die Geschichten ihrer Familien erzählen. Und wenn auch die Kriegskinder sich trauen, ihr Schweigen zu brechen, umso besser! Sie haben viel gearbeitet für den erfolgreichen wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, und dafür gebürt ihnen Dank und Respekt! Wir Kriegsenkel machen uns auf den Weg, die Wunden zu heilen. Wir sind die Generation, die sich die bislang umfangreichste therapeutische Hilfe sucht, und das ist richtig. Denn wir können diese äußere Sicherheit auf Dauer nicht halten, wenn wir weiter an den alten Ängsten und Wunden festhalten.

Einen Einstieg bildeten vor allem 3 Bücher von Sabine Bode, die ich uneingeschränkt empfehle. Sie sind bestens recherchiert, das Thema wird mit viel Herz und Verstand ausgeleuchtet, mit vielen klug ausgewählten Familiengeschichten.

„Die vergessene Generation“ (das Buch über die Kriegskinder), „Kriegsenkel“ und „Die deutsche Krankheit – German Angst“ (die politische Herausforderung und öffentliche Gedenk- und Trauerkultur u.a.).

 

Doku über die Symptome und Ablauf einer Therapie bei Traumatisierung

 

 

Kriegskinder–Mehrteilige Doku

Anonyma – Eine Frau in Berlin

Werbeanzeigen

Archive

Gib Deine E-Mail-Adresse an um diesem Blog zu folgen und Benachrichtigungen über neue Einträge zu erhalten.

Enter your email address to follow this blog and receive notifications of new posts by email.

Schließe dich 34 Followern an

Abonnierte Blogs

Werbeanzeigen

Meeresrauschen...

... und Runengeflüster

schamanenpfade

Entzünde dein Seelenfeuer!

Urkraft - Werke

Danny Gross

rangdrol's Blog

open space - luminous clear - empty mind

Unter Deine Haut

Andreas Gerner's Blog über Selbstheilung mit Neurodermitis und Hochsensibilität

Womanessence

Einfach göttliche Frauenretreats

Lina Lunas Welt

Aus meinem Leben mit 2 Katzen, Yoga, Musik und vielem mehr.

Gingerclub's Blog

Online Seminare für natürliche Gesundheit - Körper, Geist und Seele

4p2p's Blog

Bewusster Leben

Wissenschaft3000 ~ science3000

Recht auf Wahrheit! ~ Die Wahrheit leben! ~ Wahrheit und Friede!

Nachrichtenbrief

www.orgonomie.net

philmus

Musik & Philosophie

Frida's Text-Studio

Hier stelle ich "meine Schreibe" vor, meinen ersten veröffentlichten Roman, Lyrik, Märchen, gelegentlich ein Bild oder Foto

erwinphotos

….es ist mir eine Freude - Dir meine Fotos zu zeigen…..

The WordPress.com Blog

The latest news on WordPress.com and the WordPress community.