Von der Depression zur Handlungsfähigkeit

Wie gut der Schnee tut, der heute selbst im warm-regnerischen Münster reichlich auf den Straßen zum liegen gekommen ist. Endlich kommt Licht in die Welt!!! Die letzten Wochen waren hier vor allem sehr wolkenverhangen und düster. Ein wahres Fest für Freunde der Melancholie. Aber nicht für mich. Ich weiß wie sich Depressionen anfühlen, hab sie lang genug chronisch erlebt, nämlich gar nicht so gut, und fehlende Sonne kann selbst hartgesottenen Optimisten aufs Gemüt schlagen!

Anstelle meiner Depressionen ist nun das häufige Verspüren von Wut getreten. Mit der Wut kam die verbesserte Wahrnehmung meines Körpers und der Primärbedürfnisse wie Hunger, Müdigkeit, Wärme, Körperkontakt, menschliche Nähe etc. Es hat lange gedauert, und der Prozess ist auch noch nicht abgeschlossen, sie zu meinem guten Verbündeten zu machen, die Ursache der Wut zu ergründen, die häufig spontan ohne für mich wahrnehmbaren Auslöser hochkommt. Z.B. nach dem Essen, wenn das Gefühl der Sättigung eintritt und Zeit ist zum Entspannen. Seit ich mir verstärkt gestatte, mich vor Außeneinflüssen abzugrenzen, auch mit Hilfe spezieller Übungen, lässt das spontane Auftreten der Wut nach. Also ist ein Teil der Wut aggressive Energie, um mich kraftvoller abzugrenzen. Schön das zu merken, und schön mir dabei bewusst zu werden, dass ich meinen Raum um mich haben darf. Also um Selbstbestimmung und Selbstbehauptung geht es. Und das hat ja den unmittelbaren Zusammenhang mit der Neuro. Denn sie schädigt meine Fähigkeit mich körperlich zu behaupten ganz vehement.

Depressionen sind energetisch das Gegenteil von Wut. Sie sind zusammenziehend, nach innen gerichtet. In den Jahren der Depression war ich sehr introvertiert, habe mich versteckt, mich ganz schlecht gespürt und mir so gut wie keine Spontanität erlaubt. Ich bin Problemen aus dem Weg gegangen statt sie zu lösen und habe meine Aufgaben auf die lange Bank geschoben und brauchte Druck um sie zu erledigen. Das erzeugte eine Menge Stress, den ich aber nicht körperlich ausagierte, sondern in mich hineinfraß. Dieses viel zu passive und selbstzerstörerische Verhalten saß ziemlich tief. Es war ein erlerntes Verhalten, weil in meinem früheren sozialen System die Äußerung von Wut und Aggression nicht erwünscht war. Trauer durfte sein, aber nicht Wut!

Die Änderung der grundlegenden Befindlichkeit kam, als mein Arbeitgeber mir mit Kündigung drohte, weil ich wiederholte Male zu spät zur Arbeit gekommen war. Es ging hier um einen Job im Callcenter, der weit unter meiner Qualifikation lag – ich bin Diplomingenieur Architektur – und mir zu dem Zeitpunkt keine Weiterentwicklung mehr bieten konnte, die mir attraktiv erschien. Das Gute an dem Job war gewesen, dass ich meine kommunikativen Fähigkeiten trainieren konnte und eine relativ flexible Zeiteinteilung hatte. Das ermöglichte mir die Teilnahme an der schamanischen Ausbildung ab 2004, mit 3 Teilausbildungen und ca. 12-15 Wochenendseminaren pro Jahr bis 2008. Nun aber, Ende 2009, hatte ich bereits Seminarerfahrung, mehrere Jahre Praxiserfahrung mit Lebensberatung und schamanischer Energiearbeit, und war soweit, eine Menge gelernten Wissens und Fähigkeiten richtig professionell und hauptberuflich ins Leben umzusetzen.

Gefühlsmäßig war es ein Kraftakt, von der depressiven Grundstimmung in die Selbstbehauptung zu gehen. Die Situation erforderte es jedoch, dass ich mich zum ersten Mal in meinem Leben mit juristischen Begebenheiten auseinandersetzte und für mich kämpfte. So erreichte ich letztlich eine Trennung auf Augenhöhe, mit Auflösungsvertrag, statt der Kündigung wegen wiederholter Abmahnungen. Und dann kam ab 2010 die Existenzgründung, die mir immer wieder Situationen beschert wo ich kämpfen muss für mein Recht. Das hat in den 3 Jahren dazu geführt dass ich sehr viel gelassener geworden bin, und nicht mehr so schnell Angst bekomme. Die Wut ist also in gewissem Sinn mein Freund, weil sie mir hilft mich weiter zu entwickeln, und mein Leben so zu gestalten wie ich es mir erträume.

Aus der Depression heraus- und in eine sinnvolle und konstruktive Nutzung meiner Wutenergie hineinzukommen hat mir u.a. geholfen:

  • Ein guter älterer Freund, der mich lehrte, dass ich viel mehr Rechte habe, als ich mir in der depressiven Zeit selbst zugestand. Und der mir beibrachte, wie ich in einer Gruppe wie dem Arbeitsplatz nicht untergehe, indem ich immer wieder auf mich aufmerksam mache, und zwar so, dass dabei z.B. durch das Zeigen bislang unbekannter Seiten Respekt entsteht.
  • Die Erkenntnis dass Wut etwas Gutes ist, das zu Wachstum führt. Wut ist eine expansive Energie, also nach Außen gerichtet. Sie ist die Energie, die z.B. eine Pflanze benötigt, um aus der Erde an das Tageslicht zu wachsen. Die immer gebraucht wird, wenn es um das Erreichen neuer Ziele geht. Deshalb habe ich ein Lob verdient wenn ich wütend werde, und habe den Satz verinnerlicht „Ich bin gut in meiner Wut.“
  • Körperliche Abreaktion … in meinem Körper ist jede Menge alter Wut gespeichert, die ich früher nicht ausgedrückt habe. Dadurch wird sehr viel Energie frei, wenn die Wut angetriggert wird, die sich  sinnvollerweise körperlich abreagieren lässt, u.a. durch

Kissen schlagen; Fauchen, Zischen, Knurren, Schreien etc.;

Gleichzeitig auf der Stelle tribbeln und auf ein Stück Stoff o.ä. schlagen, das auf Brusthöhe aufgehängt ist;

Joggen, aber nicht übertreiben. Nicht an die Leistungsgrenze gehen. Dem Körper muss dabei Sauerstoff zugeführt werden unter dem Strich, und nicht entzogen, wie es bei Leistungssport der Fall ist. Ein ermüdeter Körper wird weniger gespürt. Daher denken viele Leute irrtümlich, sie würden Stress (unausgedrückte Aggression) dadurch abbauen, indem sie sich auspowern. Das Gegenteil ist der Fall: sie spüren sich nicht mehr und verdrängen wiederum die Gefühle in den Körper hinein.

  • Ich habe mir immer wieder klar gemacht, dass ich zu allen Zeiten mein Bestes gegeben habe! Das unterstelle ich auch jedem anderen Menschen. Diese Grundeinstellung hat mir in der produktiven Zeit nach langer depressionsbedingter Stagnation geholfen. Da gibt es zu Beginn des „Aufwachens“ die Phase noch größerer Niedergeschlagenheit, in der ich erkenne, wieviel ich versäumt und nun zu schaffen habe, um die Dinge wieder richtig in Fluss zu bringen. Hier ist dann Durchhalten und ein gutes Rückrat wichtig, und dabei hilft das beschriebene Wohlwollen.
  • Alle Regeln und Glaubenssätze, die mich in irgendeiner Weise drücken, mich hindern meine Gefühle zu zeigen oder mir einreden dass meine Wut, mein Zorn oder gar Hass nicht OK sind, schaden mir letztendlich. Und deshalb muss ich sie nicht akzeptieren. Das heißt, ich bevorzuge ein soziales Umfeld, in dem ein konstruktiver Umgang mit diesen expansiven Emotionen gepflegt wird, und wende mich ab von Menschen und Institutionen, die von mir verlangen, stets mit einer „Keep Smiling – Maske“ durchs Leben zu geistern.
  • Es mir zur Angewohnheit machen, meinem Ärger Ausdruck zu verleihen. Ist Übungssache und ein tolles Feld für kreativen Selbstausdruck.
  • Mein Training der Kampfkunst. Dadurch gelange ich in die Lage, mich notfalls körperlich verteidigen zu können, wenn mich jemand angreift. Das ist sehr wichtig, denn es gibt viele Situationen im beruflichen wie privaten Leben, wo ein manchmal auch subtiles Kräftemessen stattfindet, wo es wichtig ist, stets bereit zur Verteidigung zu sein, um sein Recht und seine Integrität zu wahren. Das wird in der Regel nicht körperlich ausgetragen, aber allein das Wissen, es notfalls zu können, schafft eine Menge Selbstbewußtsein und das Gefühl von Stärke.
  • Der wichtigste Beitrag, der mich raus aus der Depression und rein in meine Kraft gebracht hat, war der Sprung ins kalte Wasser. Die Risikobereitschaft, mich in das selbständige Terrain zu begeben, und mein Wissen in die Praxis umzusetzen. Das war ein Berg Arbeit, von dem ich vorher teilweise nicht wusste wie es gehen soll. Das Leben bescherte mir hier großartige Hilfe mit Menschen, die mich unterstützten und förderten, wie ich es mir nicht zu wünschen gewagt hätte. So habe ich es geschafft, dass ich heute mehrere tolle Ausbildungen anbieten kann und mittlerweile so viel Routine in der Seminarleitung erworben habe, dass ich meinen Beruf wirklich als Berufung fühle.

Es gibt sicher noch eine Menge mehr Gesichtspunkte, die mit der Heilung von Depression einhergehen und den konstruktiven Umgang mit aggressiven Gefühlen einhergehen. Der ganze Lust-Bereich Liebe, Partnerschaft, Sex ist hier jetzt nicht zur Sprache gekommen. In diesem Zusammenhang gibt es eine Menge wunder Punkte, die mit meiner Neuro zu tun haben. Das soll ein andermal zur Sprache kommen.

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